the one
Ich bleibe stehen. Verharre mitten in der Bewegung. Eine seltsame Stimmung liegt in der Luft. Etwas ist anders als sonst. Und plötzlich weiß ich nicht mehr, was ich gerade tun oder wohin ich gehen wollte. In meinem Kopf herrscht gähnende Leere. Ich starre ins Nichts, während ich mich an etwas zu erinnern versuche – weiß jedoch nicht mal mehr, woran. Irgendetwas ganz wichtiges übersehe ich. Doch dann merke ich, wie es meinen Blick in eine Richtung zieht. Eine ganz bestimmte Richtung. Und ich drehe langsam den Kopf. Da steht er. So wie jeden Tag. Verlassen. Doch wunderschön. Mir wird klar, dass ich in diesem Moment allein bin und langsam macht sich Verständnis breit. Es gibt einen Grund dafür, dass ich genau jetzt genau hier stehe. Als hätten all meine bisherigen Handlungen darauf abgezielt. Mein Kopf hat es die ganze Zeit gewusst. Doch ab hier hört er auf zu planen. Die Reset-Taste ist gedrückt, jeder Gedanke gelöscht. Es gibt nur noch ihn. Ich kann nichts weiter tun, als ihn anzustarren. Dabei wage ich es kaum zu atmen, aus Angst, ich könnte die Aura um ihn mit dem leisesten Geräusch zerstören. Momente wie diesen hatte ich schon vorher. Nicht oft zwar, aber sie kamen vor. Es sind Minuten, in denen ich mich seiner Existenz widmen muss. Ich weiß, je weniger ich dagegen ankämpfe, desto schneller geht alles wieder vorbei. Dann werde ich mich lösen und meinen Tag wie gewohnt fortsetzen. Als wäre nichts gewesen. Also warte ich einfach. Warte, und teile diesen Moment mit meinem vergessenen Freund. Und ich fühle viel. Da ist eine Spannung, die ich nicht zu beschreiben vermag, eine, die fast nicht auszuhalten ist. Ich spüre sie knistern und als ich genauer hinhöre, verstehe ich, dass es eigentlich ein Flüstern ist, ganz leise nur, aber dieses Flüstern erzählt eine Geschichte. Unsere Geschichte. Sie versprüht eine Vielfalt von Emotionen im Raum, jede einzelne ein kleiner Funke; sie prasseln wie unzählige Nadelstiche auf meinen Körper ein. Da sind Angst und Leidenschaft. Außerdem Euphorie, doch auch Verletzung und Schmerz. Aber vor allem ist da unendliche, bedingungslose Liebe. Mein Atem geht schneller, doch ich schrecke nicht zurück. Ich muss die Gefühle zulassen, damit sie weiterziehen können. Schon bald wird die Verbindung abbrechen und dann wird alles sein wie vorher. Ich lasse einige Sekunden verstreichen – vielleicht auch Minuten – doch der Moment, an dem ich mich loslösen kann, tritt nicht ein. Stattdessen stehe ich weiterhin unverändert da, den Blick gebannt auf meinen lang vergessenen Freund gerichtet, so, als würde ich ihn heute zum ersten Mal sehen. Erst da wird mir klar, dass sich meine rechte Hand gehoben hat. Nur minimal zwar und kaum merklich, doch ohne Zweifel in seine Richtung. Als wäre da ein unsichtbares Band zwischen uns, das sich langsam spannt. Ich spüre meinen Puls ansteigen. Meine Nackenhaare stellen sich auf. Was passiert hier? Das sollte so nicht sein. Ich versuche tief durchzuatmen, habe jedoch wenig Erfolg damit, die aufkommende Panik zurückzuhalten. In meinem Kopf schrillen sämtliche Alarmglocken und alles in meinem Körper schreit danach, so schnell wie möglich dieser Situation zu entkommen. Doch ich rühre mich nicht vom Fleck. Denn ein winziger Teil in mir weiß, dass ich hier richtig bin, weiß, dass ich hier sein muss, dass ich zu ihm gehöre. Mein Herz hämmert gegen meine Brust und meine Gedanken wirbeln unkontrolliert durcheinander. Ich muss mich schützen, doch ich weiß nicht wie und auch nicht, wie ich jetzt noch von ihm loskommen soll. Ich bin hypnotisiert von seinem Anblick. Komplett hingerissen von seiner atemberaubenden Schönheit, durch und durch gelähmt. Egal, wie sehr ich es versuche, ich kann mich nicht abwenden. Und auf einmal ist da ein neues Gefühl. Es lastet schwer auf meiner Seele und ich weiß, das tut es schon sehr lange. Tief verborgen in mir hat es auf diesen Moment gewartet. Ich weiß nicht, wann mir klar wird, dass es Schuld ist, die mich überkommt. Tiefsitzende Schuld. Denn ich habe ihn stehengelassen. Nach elf langen Jahren. Er war mein Partner gewesen, mein ständiger Begleiter und Zufluchtsort; mein Fixpunkt, fast zwei Drittel meines Lebens, und eines der wenigen echten Dinge die darin vorkamen. Und ich habe ihn zurückgelassen, ohne mich noch einmal umzusehen. Das Ende dieser Freundschaft ist anderthalb Jahre her. Es war eine Beziehung, die ich geliebt und zugleich gehasst habe, die mich gestärkt und doch irgendwann zerstört hat. Sie war toxisch. Jetzt wäre der endgültige Zeitpunkt, dieses erdrückende Gefühl von mir zu schieben, wie ich es seit Monaten immer wieder tue. Doch ich bin wie erstarrt, meine Hand ist unverändert gehoben und ich bin drauf und dran einen Schritt nach vorne zu treten. Die Anziehung ist überwältigend. Stolz und erhaben steht er vor mir, das Sonnenlicht spiegelt sich in seinem glänzend schwarzen Lack. Eine wunderbare Wärme verbreitet sich im Raum. Ich bin ganz und gar eingenommen von dieser Vollkommenheit aus Tasten und Saiten. Und ich weiß, dass der Moment, auf den ich warte, nicht kommen wird. Im Grunde war mir das die ganze Zeit über klar. Denn auch, wenn mir mein Verstand Warnungen zuruft, mir klarmachen will, dass ich kurz davor bin, ins offene Messer zu laufen, mich anfleht, rational zu denken – mein Herz hört schon lange nicht mehr zu. Es gab von Anfang an nur einen Ausgang für diese Situation. Ich selbst hatte nie einen Einfluss darauf. Und auf diese Einsicht folgt meine Entscheidung, ich höre auf, gegen mich selbst anzukämpfen. Mit bebendem Atem schließe ich die Augen. Dann überbrücke ich die letzten Zentimeter, die zwischen uns liegen. Zwischen mir und meinem Flügel. Es ist eine Distanz, die weit über alles Greifbare hinausgeht. Eine Entfernung, die so viel mehr ist, als dieser lächerlich kleine Schritt, den ich tun muss. Eine Trennung von Lichtjahren... Der Moment, in dem meine Hand die Tasten streift, trifft mich mit voller Wucht. Der Lautstärkepegel des Geflüsters wird auf Anschlag gedreht bis alles übersteuert. Mich überflutet eine Welle von Erinnerungen, alten Emotionen und Bildern, die mich gewaltvoll mitreißt und an einen anderen Ort trägt, zurück in die Vergangenheit...
Menschenmenge. Anfall von Schwindel. Puls viel zu schnell. Hände eiskalt. Zittern. Bin entmachtet von meiner ganz persönlichen Höhenangst. Blick schweift. Scannt die Masse. Wo bist du? Kann den Gesichtsausdruck meines Vaters nicht deuten. Stopp. Konzentration. Ich wende mich ab. Schließe die Augen. Hole tief Luft. Will überall sein, nur nicht hier. Hebe die Hände an die Tasten und... die nächste Welle trifft mich.
Wohnzimmer. Vor mir mein Flügel. Zeit rast. Bin im Flow. Hab noch hundert Dinge zu tun, doch es ist mir egal. Klausuren, Arbeiten, alles egal. Für mich gibt es nur eins... Meine Hände fliegen über die Tasten. Ein Sturm aus Melodien. Dramatik. Leidenschaft. Bässe unumstößlich. Höhen unfassbar leicht. Ich mittendrin. Energie strömt durch meinen Körper. Gesetze von Raum und Zeit sind nicht länger existent. Ich falle in ein Netz aus Klängen, ein Tuch, das ich mir selbst webe, doch... die nächste Woge packt mich.
Ein Musikzimmer. Additum-Prüfung. Schockstarre. Bin aus dem Stück gekommen. Finde nicht mehr hinein. Probiere es aufs Neue. Wieder und wieder. Vergeblich. Aussetzer... ausgerechnet jetzt. Übelkeit. Ich kurz vorm hyperventilieren. Sicht verschwimmt. Nein. Ein letzter Versuch. Muss mich zusammenreißen. Um jeden Preis. Aufgeben ist keine Option. Den Blick fest auf Takt 27 hebe ich erneut die Hände an die Tasten. Ein wahr gewordener Albtraum. Der nächste Schwall Bilder ist meine Rettung. Wieder mein Wohnzimmer. Ich übe pausenlos. Seit Stunden ein und denselben Takt. Immer wieder. Kaum Verbesserung. Kopf pulsiert... kann kaum geradeaus schauen und muss auch noch lernen. Ich greife nach den Ibuprofen. Lange Nacht vor mir. Nächste Welle. Klavierunterricht in der Hochschule. Herr Dittman fragt, ob es mir gut geht. Das tut es nicht. Keine Fortschritte. Nein, es geht mir nicht gut. Schon sehr lange nicht mehr. Bin traurig. Leer. Komplett ausgelaugt. Spüre die Erschöpfung in jeder Zelle meines Körpers. Verbringe Nächte ohne Schlaf, bin tagsüber nie richtig wach. Habe damals alles gegeben um hier sein zu können... versage jetzt Woche um Woche. Ich kann nicht mehr. Die Einsicht trifft mich hart. Und dann bricht alles zusammen. Kann die Tränen nicht länger zurückhalten. Will es auch nicht mehr. Ich bin es so leid. In dem Moment weiß ich nur eins. Ich kann so nicht weitermachen. Ein Schluchzen dringt aus meinem tiefsten Inneren hervor. Der Hilferuf meiner Seele.
Ich tauche auf. Entreiße mich der Flut meiner Emotionen und schnappe nach Luft. Ich bin nicht mit ihnen untergegangen, diesmal nicht. Ich stehe fest im Hier und Jetzt. Und plötzlich sind es nur noch seichte Wellen langsam verblassender Bilder, die mich umspülen. Ich kann sie beobachten, sie sind da... aber sie sind nicht länger ich. Etwas hat sich verändert. Das spüre ich jetzt noch deutlicher als zuvor. Da stehe ich vor meinem Flügel. Es war richtig, dass sich unsere Wege an einem bestimmten Punkt getrennt haben. Doch die Dinge haben sich geändert. Ich blicke auf meine Hand; wie von selbst streicht sie über die Tasten. Die Berührung ist sanft, fast zärtlich. Und jetzt ist da nur noch ein einziges Gefühl. Liebe. Sie ist genauso stark wie damals, denn sie war nie weg. Es ist okay. Ich spüre es, noch bevor ich zu spielen beginne. Etwas in mir ist geheilt.
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